Kleiner Gedankengang 1

Wissen Sie, Abend für Abend, sitze ich auf meiner Gedankenterrasse. Diese Terrasse ist ein gar wundervoller Ort, voller Erinnerungen und Erlebnisse. Während ich also im Schaukelstuhl auf eben dieser Terrasse sitze, und sich die Gedanken um einen drängen, und flehen, beachtet zu werden, sich anbiedern, gedacht zu werden, obwohl man doch so wenig Zeit hat, bemerkt man einen Gedanken, der sich immer still im Hintergrund hält. Er reckt hier und da ein wenig den Hals, um den zu sehen, der ihn eines Tages denken wird. Dann bemerkt er mich, und er scheut in seiner Schüchternheit zurück, glaubt er doch, er wäre doch nur völlig überflüssig, und niemand würde sich für ihn interessieren.
Doch schon bald merkt er, dass er weitaus interessanter ist, als zuerst gedacht. So kommt er langsam näher, bald schon nimmt er eine klare Form an, und schon dann erkennt man ihn. Er verdrängt die aufdringlichen Gedanken, die Gedanken, die sich in den Vordergrund rücken wollen, sich für wichtig und richtig halten, so wie doch nichtig sind. Alltägliche Gedanken, Gedanken, die einen erzürnen, die einen zum Lachen oder Trauern bringen, doch dieser Gedanke da, dieser, der ist von ganz anderer Natur. Er ist in sich ein ruhiges Wesen, einfach zu denken, trotz Komplexität und Verständlich trotz seines komplizierten Kern. Während die anderen Gedanken wie rauschende Bäche klingen, ist dieser Gedanke, ein stiller Riese, ein Ozean, wertvoller, gedacht zu werden, erzeugt mehr Tiefe, hat mehr Sinn.
Schon bald wusste ich, das war ein Gedanke, dem ich noch öfter nachhängen würde, er wurde auch bald zu meinem besten Freunde. Er saß schon bald in einem eigenen Schaukelstuhl auf der sonnigen und bunten Terrasse, die mich stets an die Terrasse des Hauses meiner Eltern erinnerte, wo ich oft saß und über vieles sinnierte. Aber damals war sie nicht bunt und voller Emotionen. Doch auch diese Emotionen ließen nach, mein Denken war besessen von diesem einen Gedanken, der stets auf meine Ankunft wartete und mich freudig begrüßte; ist er schließlich schon häufig von den Menschen abgestoßen worden, umso erfreuter war er, dass er sich mir offenbaren konnte, dass er sich mir gegenüber öffnen konnte. Die anderen Gedanken, längst unwichtig, lümmelten sich auf den Stufen der Terrasse, nicht wert gedacht zu werden angesicht dessen, was mir mein treuer Freund zu erzählen wusste.
Aber war ich mir nie ganz sicher. Erzählte er nur, oder suggestierte er mir, was mir am Ende schlüssig erschien? Es ist kompliziert, aber das sind Gedanken sowieso. Gedanken sind oft weniger als ein Windhauch und kaum mehr als flüchtig, doch kann in jedem noch so kleinem Gedanken mehr Wesen stecken als in dem gesamten Handeln eines Menschen. Jede große Errungenschaft basierte auf bloßem Denken, große Philosophen erklärten die Welt mit dem Denken. Die Gedanken waren so seit jeher Freunde der Menschen und wohl die Gabe, die die Menschen zu dem machten was sie sind. So hüte und pflege ich meine Gedanken, so versuche ich nie einen Gedanken nicht zu denken. Nicht jeden Gedanken kann man zuende denken, nicht jeden Gedanken will man zu Ende denken. Aber erscheint es doch nur gerecht gegenüber unseren Gedanken, dass man sie zumindest freundlich behandelt, und nicht wegwirft. So spinnt man gerne einen Gedankenpfaden, an den mehrere anknüpfen, und bald sitzt man vor einem Gedankenteppich, und sieht, wie alles irgendwie in einander verwoben ist.
Aber zurück zu meinen großen Gedanken. Jener Gedanke ist nur für den groß, der auch den Kern des Gedanken erkennt. Man muss sich auf den Gedanken einlassen, man muss den Gedanken verstehen. Wenn ich ihnen im Laufe der Zeit meinen Gedanken näherbringen möchte, reicht es nicht, dieses Buch wie einen schnöden Roman zu lesen und nach zwei Tagen zu vergessen. Sie müssen den Gedanken denken, genauso denken, wie ich ihn gedacht habe, Sie müssen verstehen, warum ich ihn gedacht habe.
Aber ich sollte vorher zu verstehen geben, warum ich diesen Gedanken überhaupt entwickelt habe.
Ich war von Beginn meines Lebens an der Ansicht, dass mein Leben unfair ist und das ich stets die zweite Geige, wenn nicht sogar nur eine Sopranflöte spielte. Wenn sie meinen Gedanken kennenlernen, werden sie sicher von Zeit zu Zeit denken, dass diese Zeilen aus der Hand eines verbitterten jungen Mannes stammen, der keine vernünftige Kindheit hatte, oder zumindest so tut, als hätte er keine. Ob und inwiefern das zutrifft, lassen wir mal aussenvor, gab es doch gewisse Umstände, die mich jeden Tag in meine Zweifel zurücktrieben. Aber halten sie sich vor Augen, dass sie meinen Gedanken so ohnehin nicht verstehen können, und das Buch lieber einem Verwandten schenken sollten. Seien sie offen für das, was ich vermitteln möchte, und offen für das, was ich versuche, zu erklären.
Aber eben durch die Überzeugung, das gewisse Menschen sich schlicht falsch verhielten, und das fortwährend taten, gelang ich auch zu der Frage, inwiefern dies mein Leben einschränkte. Und da jedem Gedanken zumeist eine Frage vorausgeht, entstand daraus mein Gedanke.
Aber Das Thema dieses Buches ist schon benannt, es ist der Mensch, auf den ich zusprechen kommen möchte. Und schon sind wir bei etwas wunderbarem angelangt, denn der Mensch ist ein wunderbares Wesen. Sein Körper ist wiederstandsfähig, sein Verstand kann alle Grenzen sprengen, seine Hände bahnbrechende Geschenke der Evolution (oder Gottes, wer auch immer was glauben möchte).
Es ist wunderbar, dass ein zu großen Teilen aus Wasser bestehender Organismus denken kann, und so zum Beispiel das Rad erfunden hat, das Schiff, die Dampfmaschiene, das Auto, das Flugzeug, die Rakete, dass dieses Wesen sich überall ansiedeln kann und sogar schon auf dem Mond war, das es gigantische Gebäude errichten kann und Sprachen und Schrift erfand.
Ich bin der Meinung, und vielleicht mögen Sie mir zustimmen, der Mensch hat ein gewaltiges Potenzial, ein Potenzial, das technisch gesehen alles dagewesene in den Schatten stellt. Wenn wir es sogar schaffen, Nahrungsprodukte zu erschaffen, die rein gar nichts mit ihren natürlichen Produkten zu tun haben, und nur aus künstlichen Stoffen bestehen, was können wir dann noch alles erreichen? Aber stimmt, dieses künstliche Essen ist ja verpöhnt, es ist ja chemisch und damit verteufelt und gebrandmarkt. Nun lassen Sie, falls Sie eben den Menschen angehören, die solche Kost nicht mal mit der Kneifzange anfassen wollen, mal auf den Gedanken ein:
Wenn wir im Labor, unter strengsten hygienischen Vorschriften, sorgfältiger Analyse aller Bestandteile, ausgedehnten Textreihen auf Bekömmlichkeit und Geschmack, Bananen herstellen können, die die Geschmacksknospen schon fast explodieren lassen, weil sie ihre natürlichen Vorbilder im Geschmack um Meilen übertreffen, wozu dann noch riesige Plantagen anlegen und die Umwelt belasten? Und warum sollte der klebrige Brei von Flügelinsekten besser sein als im labor hergestellter Honig?
Denken sie da mal drüber nach.
Ist das nicht die Chance, den weltweiten Hunger zu lindern, die Umwelt zu schützen, und Nahrung auch für die Ärmsten der Armen erstehbar zu machen?

Aber das soll ja gar nicht unser Thema sein. Vorläufig.
Ich möchte Ihnen zum Anfang eine Geschichte erzählen, eine Geschichte, die Sie selbst vielleicht schon so erlebt haben oder in der Sie sich selbst oder Bekannte wiedererkennen. Diese Geschichte zu erzählen ist wichtig, wenn sie meinen Gedanken verstehen wollen.
Thomas Schmidt ist ein guter Durchschnittsbürger. Er kauft im Supermarkt im Industriegebiet ein, um seine Familie zu ernähren. Er hat 2 Kinder und eine Frau, mit der er seit einigen Jahren verheiratet ist. Er arbeit in der Datenverarbeitungsstätte einer großen Firma, macht auch eigentlich einen guten Job. Manchmal schwächelt er ein wenig, aber was erwartet man. Thomas arbeitet von 8 Uhr morgens bis 18 Uhr abends und sitzt täglich vor 3 Monitoren, auf denen so viele Zahlen flimmern, dass dem ein oder anderen ganz wirr im Kopf wird. Ständig kommen Anrufe rein, oder Kollegen geben Dinge bei ihm ab, die er in das System einarbeiten muss. Thomas erledigt seine Arbeit stets zügig, da die Firma am Laufen gehalten werden muss, und der Betrieb floriert. Nicht nur wegen Thomas, sondern auch wegen Bernd, Friedrich, Sarim, Erika und Jürgen, und wie sie nicht alle aus den anderen Bereichen und Abteilungen heißen. Der Betrieb fährt satte Gewinne ein, doch schon bald werden Leute entlassen. Schon bald erscheint Bernd nicht mehr zur Arbeit, denn seine Abteilung, die Kundenbetreuung wurde gekürzt. Auch in Thomas Abteilung wurden Leute entlassen, deswegen muss Thomas noch mehr arbeiten; manchmal macht er sogar Überstunden, weil er nicht alles schafft. Wenn er dann um 18 Uhr nach Hause kommt, ist er erschöpft, und hat nicht selten Kopfschmerzen. Die Kinder, die sich auf die Rückkehr des Vaters gefreut haben, berichten von ihrem Tag, ihren Streitigkeiten und Begebenheiten in der Schule, doch hat Thomas gar nicht die Ruhe, sich mit seinen Kindern zu befassen. Die Frau stellt das Essen auf den Tisch, und während die Kinder erzählen und sich ärgern, sinniert Thomas noch immer dem Arbeitsplatz hinterher. Auch nach dem Essen, berichtet er seiner Frau von den Problemen in seiner Abteilung, und das er jetzt kaum noch alles schaffen kann. Seine Frau, die halbtags in einem Bekleidungsgeschäöft arbeitet, interessiert sich nicht wirklich für Thomas Probleme, sie hat ihren eigenen Berufsstress und nachmittags kümmert sie sich um Haushalt und Kinder. Am Samstag wollte die Familie einen Ausflug in den Zoo machen, doch musste die Frau, nennen wir sie Monika, für eine Kollegin einspringen. Statt dessen sah sich Thomas ein Video mit den Kleinen an. Die Stille tat ihm gut.
Abends bringt Thomas seine Kinder ins Bett, und setzt sich dann an den Küchentisch, erledigt ein paar Arbeiten für den nächsten Tag, und sieht dann fern. Monika geht schon bald ins Bett, der Krimi interessiert sie nicht, und Thomas eigentlich auch nicht, aber er weiß nicht was er sonst tun sollte. Auf Monikas Frage, ob er gleich nachkomme, antwortet er, er würde erst den Film bis zum Ende verfolgen.
Am nächsten Morgen bringt Thomas seine Kinder zur Schule und fährt dann wieder in die Firma. Sein Chef erwartete ihn bereits, und zeigte Thomas einige Fehler in seinen letzten Rechnungen auf. Thomas entschuldigt sich, und verspricht in Zukunft besser zu arbeiten, bekommt aber dennoch einen Tadel. Er strengt sich umso mehr an, doch die Flut von Dingen, die erledigt werden müssen, reißt kaum ab.
Nur wenige Wochen später erhält er den Brief, der ihn von seiner Kündigung berichtet. Nach 9 Jahren im Betrieb nimmt Thomas heute seinen Hut, wurde „Wegrationalisiert“. Nun, wo er umso mehr Zeit für seine Kinder und Frau haben sollte, ist er umso deprimierter. Durch das verringerte Einkommen müssen sie schon bald aus ihrer 90m² Wohnung ausziehen, die vielen netten Nachbarn des Mehrfamilienhauses winken zum Abschied, als sie in eine runde 50 Quadratmeter kleinere Wohnung ziehen. Doch schon bald nach einer Umschulung findet Thomas, der ein Abitur mit dem Notendurchschnitt von 1,8 hatte, eine neue Anstellung als Kundenbetreuuer bei einem Telefonanbieter. Er fährt morgens um 7 Uhr los, und kehrt manchmal erst nach 20 Uhr nach Hause zurück, da er noch seine Berichte in der Firma verfassen muss. Er legt auch oft kaum Wert drauf, nach Hause zu kommen. Er und seine Frau leben höchstens noch in einer Zweckgemeintschaft, Zärtlichkeiten sind vergessen. Die Kinder sieht er kaum noch, nur am Wochenende, und auch dann nicht immer wenn er eine Sonderschicht fahren muss. Sie verdienen weniger als früher, weswegen sie sich keine größere Wohnung leisten können, und ohnehin fühlt er sich als Versager, weil seinen Kindern nicht mehr bieten kann. Aber er arbeitet und arbeitet und die Familie kommt durch. Und manchen Abends sitzt Thomas alleine in der Küche und sinniert, ebenso wie ich, darüber nach, ob wir denn wirklich leben müssen, um zu arbeiten, und arbeiten, um zu überleben?
Warum kann man nicht die Freiheit, die einem zu Beginn des Lebens geschenkt wurde, nehmen, nutzen, und dann auch in Freiheit leben? Warum muss man einen bestimmten Gewinn erwirtschaften, damit man selbst einen Wert hat? Und warum bekommt man stets nur einen Bruchteil des Verdienstes, während sich andere mit meiner Arbeitskraft die Taschen füllen? Muss es dort draußen nicht etwas geben, eine Möglichkeit zu leben, in der man Frei lebt? Selbstverantwortlich? Zufrieden? In der man arbeitet, ja, aber nicht 90% der Zeit, in der man wach ist? In der man Zeit hat, zu leben, Weisheit und Wissen zu erlangen, sich klar zu werden, was man eigentlich möchte im Leben? In der man seine Kinder nach bestem Gewissen und mit Liebe aufziehen kann? In der man nicht von Medien und Konsum betäubt wird, in der der Mensch an das, was er glaubt festhält, wo nicht jeder lügt, um den Schein der Unfehlbarkeit zu wahren? In der sich nicht alle belügen? In der einfach alle ehrlich sind?
Sowas muss doch möglich sein.


5.3.11 14:38

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